Hertas Schicksal

Im Jüdischen Museum in Amsterdam werden Schriftstücke und Fotos aus dem Besitz der Burghaunerin Herta Stern aus der Zeit vom Oktober 1940 bis Februar 1942 aufbewahrt: Briefe an Herta von den Familienangehörigen, Verwandten und Freunden, ein Briefwechsel zwischen Herta und ihrem Verlobten Herbert Tombowsky sowie Briefe der Geschwister Jonas und Mali aus New York an die Eltern in Frankfurt, die diese ihrer Post nach Holland beilegten. Die beherrschenden Themen sind: Flucht ins rettende Ausland, das Wiedervereintsein mit der Familie, Hertas Heirat.

Als gerade Neunzehnjährige brauchte Herta zur Eheschließung die Zustimmung ihrer Eltern, die diese aber zunächst nicht geben wollten. Wie gut versteht man den Schmerz der Eltern, nicht einmal ihre jüngste Tochter, die in ihren Augen beinahe noch ein Kind war, unter den Traubaldachin, die Chuppah, führen zu dürfen. Aber die Lebensumstände waren ja nicht wie in ihrer eigenen Jugendzeit. Als sie schließlich doch Hertas Drängen nachgaben, mögen sie inzwischen eine Vorahnung gehabt haben von dem kurzen Glück ihrer geliebten Tochter, dem sie nicht im Wege stehen wollten.

Da die Briefe der Zensur unterlagen, war man vorsichtig und machte oft nur Andeutungen über die bedrückenden Verhältnisse.

Die Spuren von Hertas Leben in Holland gehen zu Herzen und gewähren einen Einblick in die alltäglichen Hoffnungen und Nöte, in Freude und Leid der getrennten Familienmitglieder. Aus den Dokumenten lässt sich Hertas Leben in Holland folgendermaßen rekonstruieren:

   Seit September 1939 hält sich Herta im Werkdorf Wieringermer auf und macht dort eine Hauswirtschaftslehre, gleichzeitig trifft sie Vorbereitungen für eine Auswanderung, da sie dort nach der Besetzung Hollands durch die Deutschen im Mai 1940 auch nicht mehr sicher ist.

Im Werkdorf verliebt sie sich bis über beide Ohren in den Berliner Herbert Tombowsky, genannt Tommy, mit dem sie sich heimlich verlobt und den sie bald heiraten möchte.

Herbert und Herta im Werkdorf Wieringerwaard, Nordholland
Herbert und Herta im Werkdorf Wieringerwaard, Nordholland

 

Nachdem das Werkdorf im Juli 1941 aufgelöst werden muss, beginnt für die junge und lebensfrohe Herta ein zermürbender Kampf um die Ausreise- und Heiratspapiere, ja ums tägliche Leben und Überleben überhaupt. Außerdem drückten sie die Sorgen um die Eltern in Frankfurt. Es gibt auch Pläne für eine gemeinsame Auswanderung der Werkdorf-Schüler nach Santo - Domingo. Diese scheitern aber letztlich - wie alle anderen Fluchtpläne auch - aufgrund der sich ständig verschärfenden Auswanderungsbestimmungen.

Nach langem Zögern willigen die Eltern schließlich in Hertas Heirat mit Herbert ein. "…Dass Du nun Ruhe hast, will ich Euch mein Jawort geben, hoffentlich ist ja alles zum Guten …" So schreibt der Vater, und die Mutter fügt hinzu: "... Hoffentlich bist Du nun jetzt beruhigt, nachdem Du das Jawort von Deinen Eltern hast. ... wir müssen leider alles so in Gedanken mit uns selbst abmachen, aber hoffentlich kommt recht bald die Zeit, wo wir Dich bald wieder sehen können und auch den l. Herbert kennenlernen ... "

Nach der Liquidierung des Werkdorfs durch die NS-Besatzrer arbeiten Herta und Tommy für kurze Zeit gemeinsam bei einem Bauern. Dann trennen sich ihre Wege und Herta muss nach Amsterdam umziehen, wo sie bis Ende August 1941 in einer Familie namens Herrmann wohnt. Danach erlaubt ihr das jüdische Hilfs-Komitee, ein eigenes Zimmer zu mieten. Obwohl mit unsäglichen Schwierigkeiten verbunden, können sich die Verlobten während der etwa zwei Monate dauernden Trennungszeit einige Male treffen, ansonsten tauscht man Briefe aus. Inzwischen hat Herta eine Stelle im Haushalt angetreten. Hausmädchen zu sein fällt ihr nicht leicht, aber andere Arbeitsmöglichkeiten gibt es für eine junge Emigrantin kaum.

Anfang Oktober 1941 treffen endlich die amtlichen Papiere ein und Herta kann ihren geliebten Tommy heiraten – zunächst nur standesamtlich.

Ab 11. Oktober 1941 arbeitet die frischgebackene Ehefrau als Herta Tombowsky-Stern im Haushalt bei einem Bauern in Hoogwoud/ Nordholland. Mit der jüdischen Hochzeit unter dem Traubaldachin muss sie sich offensichtlich noch einige Wochen gedulden, Wochen voller Schikanen und Übergriffe. Immer wieder trifft es bei den nächtlichen Razzien auch Freunde und Bekannte aus dem Werkdorf, die ins KZ Mauthausen verschleppt werden.

Hertas Trauung unter der Chuppa muss etwa Mitte November 1941 stattgefunden haben. Am 9. November 1941, drei Tage vor ihrer Deportation, schicken die Eltern noch einen Abschiedsbrief an Herta und Herbert ab, in dem Mutter Stern schreibt:

Meine innigst geliebten Kinder!

Wir dachten gestern von Euch Post zu bekommen, aber wir lauerten vergebens. Unsere Post werdet Ihr erhalten haben und sie hat Euch hoffentlich gesund angetroffen. Nun will ich Euch, meine geliebten Kinder, mitteilen, dass wir Dienstag verreisen, wir schreiben Euch wo es nur irgend möglich ist und geht. … Wenn wir uns mit G:ttes Hilfe doch wieder mal sehen könnten und Dich, lieber Herbert persönlich kennenlernen. Aber wir verlassen uns auf den lieben G:tt, er wird uns doch einmal wieder zusammenführen.

Bleibt Ihr, meine geliebten Kinder, nur immer recht gesund, zieht Euch, wenn die große Kälte kommt, gut an. L. Mali wollte Dir, liebe Herta ja ein Paket schicken, ob sie es wohl abgeschickt hat. Ich will nun schließen, hoffentlich können wir Euch bald wieder schreiben.

Rufe Euch, meine l. Kinder ein recht herzliches Lebewohl zu, möge der Allmächtige uns zu allem Guten führen. Empfanget noch viele liebe Grüße und tausend innige Küsse.

Eure an Euch stets denkende und ewig liebende Mama

(Wir wären jetzt sehr froh, wenn Ihr bei uns sein könntet.)

 

Als die Deutschen begannen, die Juden aus Nordholland und Amsterdam zu vertreiben und zu deportieren, musste auch Herta Mitte April 1942 den Bauernhof in Hoogwoud verlassen. Ihr Weg führte nach Deventer, wo sie sich bis 26.5.1942 in einem Haus für Flüchtlinge aufhielt. Anschließend arbeitete sie bis 22.12.1942 in Almelo, östlich von Deventer, wieder auf einem Bauernhof.

Nach Almelo schloss sich ein weiterer Aufenthalt in Amsterdam an, wo das Leben so furchtbar geworden war. Aber wenigstens war Tommy bei ihr. An eine Flucht war schon längst nicht mehr zu denken, täglich gab es Razzien in den Straßen und willkürliche Verhaftungen. Schließlich kam am 1.8.1943 auch für Herta und Herbert der Tag des Abtransportes in das schreckliche Sammellager Westerbork, welches als Durchgangslager zum Osten ständig überfüllt war. Hier brachten die jungen Eheleute acht lange Monate zu, bis auch ihre Namen eines Tages auf der Deportationsliste standen.

Es war der 5. April 1944, als das Paar die lange Fahrt in das Konzentrationslager Theresienstadt antreten musste. Am 12. Oktober wurden beide mit dem Liquidationstransport Eq und den Transportnummern 79 und 78 nach Auschwitz gebracht. Offensichtlich gehörten sie zu den wenigen Überlebenden dieses Transportes, denn Auschwitz war nicht ihre letzte Station.

Herbert Tombowsky gelangte später in das Konzentrationslager Groß-Rosen im damaligen Niederschlesien. Am 6.12.1944 war er im Arbeitslager Friedland, einem Nebenlager von Groß-Rosen, registriert und zwar mit der Berufsbezeichnung Schriftsetzer und der Häftlingsnummer 73920. Von dort musste er im darauffolgenden Februar wieder fort, Richtung Westen. Am 15.2.1945 kam er in dem Arbeitslager Hersbruck, einem “Außenkommando” des KZ-Lagers Flossenbürg in Bayern, an. Dort starb Herbert Tombowsky einige Wochen später aufgrund der mörderischen Arbeitsbedingungen im unterirdischen Rüstungsbetrieb.

Herta, die nichts so sehr fürchtete, als von ihrem geliebten Tommy getrennt zu werden, wurde vermutlich im November oder Januar von der Mordfabrik Auschwitz in das zu dieser Zeit nicht minder grauenhafte Konzentrationslager Bergen-Belsen verfrachtet. In Bergen-Belsen verliert sich Hertas letzte Spur. Man geht davon aus, dass sie die Befreiung des Lagers am 15. April 1945 noch erlebt hat, aber infolge der erlittenen Qualen so ausgezehrt und krank war, dass jede Hilfe zu spät kam.

Ein Besuch der Gedenkstätte Bergen Belsen hat leider keine weiteren Informationen über Hertas letzte Lebenszeit in dem Todeslager erbracht.

Ihr Todesdatum wurde auf den 31. Mai 1945 festgesetzt.

Die sterblichen Überreste der einst so lebenslustigen und kaum 23-jährigen jungen Frau ruhen in einem der riesigen Massengräber der Gedenkstätte Bergen-Belsen.  

 

 

 

 

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