Familie Jakob und Recha Stern

Ringstraße 4 (heute Nr. 5, Neubau)

 


Die Kriegerwitwe Recha Stern geb. Oppenheim (*10.1.1884) stammte aus Nentershausen Kreis Rotenburg an der Fulda. Sie war verheiratet mit Jakob Stern (*1881) in Burghaun, ein Bruder von Markus Stern. Das Ehepaar hatte zwei Söhne:

Isfried, geb. 1912

Leo, geb. 1913

Eigentümer des Anwesens war Jakobs Vater Wolf Stern (*1852), der bis zu seinem Tod im Jahr 1928 im Haus lebte.

Mutter Amalie geb. Braunschweiger stammte aus Steinbach und war schon 1917 verstorben. Als Wehrmann der 2. Kompanie des Reserve Infanterie Regimentes 83 zog Jakob Stern in den ersten Weltkrieg und fiel schon am Anfang des Feldzuges „fürs Vaterland“ am 7.11.1914 in den Kämpfen bei Capellerin in Frankreich.

 

 

Das nebenstehende Bild zeigt Jakob und Recha Stern in ihrem Hof oder Hausgarten mit ihren Söhnen Isfried und Leo - Das Foto muss im Spätsommer 1914 entstanden sein, wahrscheinlich kurze Zeit bevor Jakob in den Krieg zog.

 

 

 

 

Recha Stern, so jung nun verwitwet, führte in ihrem Haus viele Jahre hindurch einen kleinen Kolonial-warenladen, auch bekam man bei ihr Brötchen vom jüdischen Bäcker Blumenthal aus Rhina.

Zeitzeuge Hans Gies (1911-1992) erinnerte sich:

"In dem Haus haben zwei Partien drin gelebt (die alten Sterns im Parterre). Oben hat die Recha gewohnt, man musste eine Treppe hoch. Die hat Schokolade und anderes Zeug verkauft, so kleine Sachen, auch Lebensmittel, das weiß ich noch. In das Lädchen sind wir als Kinder immer hin und haben uns Bonbons geholt, wenn wir mal ein paar Pfennige hatten."

Das frühere Haus Stern nach dem Verkauf
Das frühere Haus Stern nach dem Verkauf

Im Dezember 1938 sah sich Recha Stern gezwungen, ihr Anwesen notariell zu einem Schleuderpreis zu veräußern. Nachdem der Kauf einige Monate später von den NS-Stellen genehmigt war, musste sie das Haus, nach Aussage eines Dorfbewohners, sofort verlassen. Da sie nicht wusste wohin, wohnte sie vorübergehend bei Anschel Braunschweiger in der Dimbachstraße. Ihr Geschäftchen, das zuletzt kaum noch einen Gewinn einbrachte, hatte sie am 1.9.1939 aufgrund der Nazigesetze gegen die Juden schließen müssen. Wenigstens hatte sie noch die kleine Rente, die ihr als Kriegerwitwe zustand. Im Juli 1939 bat sie um Freigabe des gerade auf ihrem Sperrkonto eingegangenen Kaufpreises für ihr Haus. Die Oberfinanzdirektion in Kassel bewilligte ihr monatlich 250 RM, im Mai 1940, als sie schon in Frankfurt lebte, 300 RM, die sie von ihrem Sperrkonto abheben durfte.

Sammlung Sternberg-Siebert: Behördendokument
Sammlung Sternberg-Siebert: Behördendokument

Recha Stern muss Ende Dezember 1939/Anfang Januar 1940 Burghaun verlassen und in Frankfurt zunächst in der Fichtestraße 8 Zuflucht gefunden haben. Seit 1. Februar 1940 lebte sie dann mit ihrer Schwester Sara in der Hanauer Landstraße Nr. 17. Zusammen mit ihr wurde sie am 11. November 1941 in das "Judenghetto" von Minsk deportiert. Dort fiel sie den todbringenden Lebensver-hältnissen oder aber einer direkten Vernichtungsaktion zum Opfer.  

 

Isfried und Leo

Isfried besuchte die Oberrealschule in Fulda. Zu Beginn des Schuljahres 1930/31 war er dort als Schüler der Klasse OIA verzeichnet. Nach dem Abitur begann er ein Studium der Zahnmedizin, das er aber aufgrund der Nazigesetze gegen jüdische Studenten nicht mit der Approbation abschließen konnte. In Hamburg lernte Isfried eine Krankenschwester namens Hilde kennen, die er 1938 in Hamburg heiratete und mit der er 1939/40 in die USA emigrierte. Doch Isfried bekam sein Studium in Amerika nicht angerechnet und musste ganz von vorn beginnen. Offensichtlich konnte Herr Stern seine Ausbildung aber erfolgreich abschließen, denn 1951 begegnet er uns als Doktor der Zahnmedizin in New York.

Leo, der in den dreißiger Jahren eine Anstellung als Landwirtschaftsgehilfe in Gudendorf bei Cuxhaven hatte, entkam nach Argentinien, wo er ebenfalls in der Landwirtschaft arbeitete. Daneben musste er aber noch andere Jobs annehmen, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Denn, so schrieb Mutter Recha Stern 1941 in einem Brief: "Der Verdienst wird dort klein geschrieben." Später muss Leo Stern auch in die USA gekommen sein, denn 1951 lebte er offenbar in New York.

 

Der hier erwähnte Brief aus Frankfurt vom 28. September 1941, gerichtet an ihre Nichte Herta Stern in Holland, war vermutlich das letzte Lebenszeichen von Recha Stern, bevor sie in das mörderische Ghetto Minsk in Weißrussland verschleppt wurde.

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