Familie Michael Speier

Stadtstr. 8/ ersatzlos abgerissen, jetzt "Kirchplatz"


Michael Speier (*2.8.1863) stammte aus einer alten ortsansässigen Familie. Er war von Beruf Schuhmacher und Kaufmann. Am 14. August 1894 heiratete er Rosalie Gans (*18.10.1868), Tochter des Schneidermeisters Isaac Gans in Rotenburg a. d. Fulda. Aus der Ehe gingen vier Kinder hervor:

Hannchen (Johanna) geb. 1896

Betti geb. 1899

Martha (Manni) geb. 1902

Jakob geb. 1905


Haus Speier - vom heutigen Besitzer als Holzstall genutzt
Haus Speier - vom heutigen Besitzer als Holzstall genutzt

Gerade 55 Jahre alt starb Rosalie Speier am 30.11.1923 in Burghaun. Die Familie soll sehr arm gewesen sein. Michaels Vetter, der Kaufmann Willi Speier, der etwa bis 1914 in der Bahnhofstraße 24 und später in Frankfurt am Main wohnte, habe sie immer finanziell unterstützt.

Michael Speier zog allem Anschein nach schon vor dem Novemberpogrom von 1938 nach Frankfurt a. M. Im Januar 1939 wohnte er jedenfalls im Röderbergweg 77, einem Altersheim der „Versorgungsanstalt für Israeliten.“ Im Mai 1940 erhielt er von der Devisenstelle die Anordnung, für sein Geld ein „Sicherungskonto“ einzurichten. Da Herr Speier aber weder Vermögen noch die geringsten Einkünfte hatte, welche die NS-Behörden hätten „sichern“ und reglementieren können, bat er die Devisenstelle, man möge ihn "von der Sicherungsanordnung befreien."

Michael Speiers letzte Adresse war das jüdische Altersheim in der Rechneigrabenstraße 18/20, wo er seit Juli 1941 lebte. Dieses Haus diente später auch als Sammelpunkt für die zur Deportation vorgesehenen Menschen. Von hier wurde der fast 80-jährige Mann am 18.8.1942 nach Theresienstadt verschleppt, wo er am 26.10.1942 starb.

Hannchen, die Älteste, war nach Aussagen älterer Burghauner für eine Weberei in Schlitz tätig und reiste auf die Dörfer im Umkreis. Man konnte bei ihr Tischwäsche, Bettzeug und andere Weißwäsche bestellen. 1936 lebte sie noch in Burghaun, später heiratete sie Josef Dreyfuß (*14.4.1900) in Frankfurt am Main, der 1940 in Kelsterbach bei den Glanzstoffwerken schuftete. Das Ehepaar wohnte in Frankfuret in der Straße Unterlindau 47. Von dieser Wohnung wurde Hanna Dreifuß geb. Speier am 19. Oktober 1941 zusammen mit ihrem Mann deportiert und zwar in das Judenghetto Litzmannstadt/Lodz. Dort kam sie ums Leben.

Betty lebte schon als junges Mädchen bei ihrer Tante, der geschätzten Schneider-Meisterin Jettchen Gans in Rotenburg a.d. Fulda. "Sieben Lehrmädchen hatten die sitzen!" erzählte die Zeitzeugin Christiane Doll voller Anerkennung. Dort bei ihrer Tante in der Breitenstraße 21 erlernte Betty auch das Schneiderhandwerk. Nach der Lehre machte sie in Kassel ihre Meisterprüfung. Einige Jahre nach dem Tod ihrer Schwester Rosalie hatte Jettchen Gans ihre Nichte als Betti Gans „an Kindes statt“ angenommen. Nach den Verwüstungen und Plünderungen in Rotenburg im Verlauf des Novemberpogroms von 1938 zogen die beiden Schneidermeisterinnen, die zuletzt nur noch für jüdische Kundschaft nähen konnten, am 2.12.1938 nach Frankfurt am Main in die Webergasse 7. Zwischen dem 21. Oktober 1939 und 25. November 1941 war Betty Gans im 8. Polizeirevier inhaftiert - warum ist nicht bekannt. Ob sie nach ihrer Freilassung zu ihrer Tante zurück kehrte, die zuletzt in der Schwanenstraße 13 wohnte, ist nicht überliefert. Während Jettchen Gans am 1.9.1942 von Frankfurt nach Theresienstadt deportiert wurde, führt Bettys letzte Spur in das Ghetto von Piaski, ein kleines Städtchen im Distrikt Lublin, wohin sie am 25. März 1942 von Darmstadt aus verschleppt wurde. Beide Frauen haben nicht überlebt.

Martha, die unverheiratet blieb, führte nach dem frühen Tod der Mutter den Haushalt. Wahrscheinlich hat sie den Vater bis zuletzt in Burghaun versorgt. Nachweislich wohnte sie mit ihm und ihrer Schwester Johanna im Januar 1936 noch in der Stadtstraße. Was aus ihr geworden ist, weiß niemand zu sagen, sie blieb verschollen. Im November 1939 lebte niemand mehr von Speiers in Burghaun.

Jakob, der als einziger von der Familie den Holocaust überlebte, wanderte um 1934/35 nach Israel aus. Er soll sich schon in Burghaun der zionistischen Bewegung an-geschlossen haben. Vermutlich gehörte er dem zionististischen Arbeiterverein Burghaun an. Zuletzt hörte man von ihm, als er sich nach dem Krieg auf dem Burghauner Bürgermeisteramt in einem Schreiben nach dem Schicksal seines Vaters und seiner Schwestern erkundigte.

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Das frühere Haus Speier im Jahr 1993
Das frühere Haus Speier im Jahr 1993

 

 

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