Familie Levi Stern

Ringstraße 11

 

Der Kaufmann Levi Stern (*1894) stammte aus der alteingesessenen Familie Stern in der Burghauner Schlossstraße. 1932 heiratete er Ida Wetterhahn (* 1906) von Rhina. Das Ehepaar bekam drei Töchter, die in Fulda geboren wurden:


Marianne, geb. 1933

Irene, geb. 1934

Alice, geb. 1935

Zeitzeugen haben die Kinder als bildhübsche blonde Mädchen in Erinnerung. Die Sterns zogen in das Haus des Moses Braunschweiger, nachdem dieser schon im November 1933 mit seiner Familie nach New York emigriert war, sein Haus aber zunächst nicht verkauft sondern an Levi Stern vermietet hatte. 

Das Haus der Familie Moses Braunschweiger, Ringstraße 11 um 1930 - Vor dem Haus stehen Mathilde Braunschweiger geb. Oppenheim und die jüngste Tochter Hanna.

Nachdem Braunschweigers in die USA emigriert waren, wohnte die Familie Levi Stern zur Miete in dem Haus.

 

Wie die anderen jüdischen Männer wurde Levi Stern während des Novemberpogroms 1938 verhaftet und für mehrere Wochen im Konzentrationslager Buchenwald gefangen gehalten. Doch an Auswanderung war nicht zu denken, da der Familie die nötigen Geldmittel fehlten. So mussten Levi und Ida Stern mit ihren Töchtern in Burghaun ausharren und all die Demütigungen und diskriminierenden Maßnahmen erleiden, denen sie als Juden in zunehmendem Maße ausgesetzt waren. Schließlich erhielten sie Anfang Dezember 1941 die Aufforderung, sich am 8. Dezember zum Abtransport zu stellen.

Zusammen mit anderen Glaubensgenossen aus Burghaun, Hünfeld und Fulda wurden sie nach Kassel und von dort am nächsten Tag im ungeheizten Zug in dreitägiger Fahrt nach Riga ins „Reichsjudenghetto" gebracht. Dort waren sie einem straffen Arbeitsdienst unterworfen, erlitten Hunger, Kälte und Willkür.

Aus Informationen der Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem geht hervor, dass Levi, Ida und die kaum achtjährige Alice am 2.11.1943 nach Auschwitz abtransportiert wurden. Sehr wahrscheinlich waren aber die beiden anderen Töchter Irene und Marianne, die ja auch erst neun und zehn Jahre alt waren, mit ihnen zusammen. Für die Geschehnisse dieses Tages gibt es einen Augenzeugen: Joseph Strauß aus Hünfeld. Er war an diesem 2. November 1943, dem Tag, an dem das Rigaer Ghetto vor der heranrückenden Roten Armee „geräumt“ wurde, dabei. Er hat gesehen, wie man die Familie Stern und noch andere Bekannte aus Burghaun und dem Kreis Hünfeld in die Viehwagen trieb: „Es wurde bekannt gegeben, dass die älteren Leute und Kinder unter zehn Jahren abtransportiert werden um angeblich in Alters- und Kinderheimen untergebracht zu werden. ... Levi Stern und Frau hatten drei hübsche Mädels, wovon die jüngste neun Jahre war und sich zum Abtransport stellen musste. Sie konnten es nicht über das Herz bringen, sich von der kleinen Alice zu trennen und gingen somit in den Tod.“

Levi Stern betreffend bestätigen Unterlagen der Gedenkstätte Auschwitz, dass er mit einem Reichssicherheitshauptamt - Transport vom Rigaer Ghetto kommend am 5.11.1943 in Auschwitz eingeliefert wurde. Er hatte die Häftlingsnummer 160812. Vom 22. Dezember 1943 bis 7. Januar 1944 war er dann im Häftlings-Krankenbau Buna (Auschwitz III Monowitz) registriert. Dort ist er noch einmal in den Akten aufgeführt vom 25. Januar bis zum 1. Februar 1944. Laut Sterbebuch des Konzentrationslagers Auschwitz III ist er am 29. Januar 1944 gestorben. In Wirklichkeit bedeutete das: Man hat ihn bei der Sklavenarbeit in den Bunawerken zu Tode geschunden. Das Konzept "Vernichtung durch Arbeit" wurde hier praktiziert.

Auch Ida Stern und die drei Töchter kamen in Auschwitz ums Leben. Es ist sehr gut möglich, dass die Kinder mit ihrer Mutter gleich bei ihrer Ankunft an der Rampe selektiert und in die Gaskammer geschickt wurden. In diesem Fall machte man sich nicht mehr die Mühe, ihren Tod schriftlich zu vermerken.

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