Familie Nathan Stern

Ringstr. 12 (jüd. Volksschule, heute Neubau)

 

Nathan Stern (*1902) stammte aus der alteingesessenen Familie Stern in der Schlossstraße. Im Jahr 1933 heiratete er Berta Blumenthal (*22.7.1907) aus Rhina, eine Tochter des Bäckermeisters Moses Blumenthal, der auch die Mazzen und andere Backwaren an Recha Stern (Kolonialwaren) nach Burghaun lieferte.


Zunächst wohnten die Eheleute zur Miete in der Burgstraße Nr. 1 bei Karl Hucke, wo sie noch im Januar 1936 registriert waren. Später lebten sie in der Lehrerwohnung im Gebäude der jüdischen Volksschule in der Ringstraße. Nathan war Kaufmann und betrieb einen Handel mit Stoffen und Webwaren. Das Ehepaar bekam zwei Kinder:

Markus *1936 in Fulda

Miriam *1941 in Frankfurt a.M.

 

Jüdische Volksschule in der Ringstraße vor dem 10.11.1938
Jüdische Volksschule in der Ringstraße vor dem 10.11.1938

 

Im Zuge des Novemberpogroms 1938 musste die Familie die Verwüstung des Schulsaales und die Beschädigung der eigenen Wohnung erleben. Nathan wurde am frühen Morgen des 10. November mit den anderen jüdischen Männern verhaftet und am nächsten Tag ins Konzentrationslager Buchenwald verschleppt. Frau Stern ist möglicherweise mit dem kleinen Markus zu ihrer Mutter nach Rhina geflüchtet. So ließe sich auch besser erklären, dass Sterns nach dem Pogrom nachts bestohlen wurden.

Die christliche Zeitzeugin Christiane Doll berichtete im Jahr 2000:

"Mein Vater hat mich mit der Bemerkung zur Brandstelle geschickt: Für später! - In der Schule habe ich nur die Bertel (Frau Stern geb. Blumenthal) gesehen. Die haben zu der Zeit dort gewohnt. Den Schulsaal, die Tafel, die Geige, das haben die Nazis alles kurz und klein ge­schmissen. Ich sehe noch, wie die Saiten von der Geige gesprun­gen sind. Ich habe auch gesehen, wie sie der Bertel die Küche demoliert haben, den Küchenschrank kurz und klein geschmissen, so ein paar schöne Nazibrüder da. Ich könnte sie Ihnen aufzäh­len, aber es ist ja heute egal, sie sind alle tot. Einer hatte jedenfalls so ein Stöckchen in der Hand gehabt. Da kam die Bertel rausgesprungen und rief: Ich hab im Kessel hin­ten noch meine ganze Wäsche, da möchte ich mir was rausnehmen. Du kommst nicht mehr da rein, hieß es, und der Nazi hat das Stöckchen gehoben und damit so bunte Wäsche, die schon auf dem Seilchen hing, hochgenommen und fallen lassen. Dann hat er sie mit den Füßen in den Dreck getreten. Ich sehe das so deutlich vor mir, ich könnte es malen, wenn ich malen könnte. Und die Frau hat bitterlich geweint. - Die mussten dann auch raus, im Schulhaus war ja alles kurz und klein geschlagen." 

Wohl bald nach Nathans Haftentlassung aus dem KZ etwa im Januar 1939 flüchtete die Familie nach Frankfurt a.M., wo sie im Februar 1942 noch in der Thüringerstraße 23 lebte. Das geht aus einer Poskarte der Eheleute Stern an ihre Verwandte Herta Stern in Holland hervor, in der es u.a. heißt: "…Uns geht es G.l. (Gott lob) gut und hoffen das gleiche von Dir. Unser kleines Miriamchen macht uns viel Freude, Markus ist ein großer Bub…"  

Bis 1945 rollten größere und kleinere "Evakuierungstransporte" von Frankfurt a.M. in Richtung Osten. Nathan und Berta Stern sowie Markus und die kleine Miriam wurden mit einem der zwei Transporte vom 8. oder 24. Mai 1942 in Richtung Izbica (Ghetto) im Distrikt Lublin in Polen verschleppt. Nach heutigen Erkenntnissen waren die Endziele dieser Todesfahrten die Vernichtungslager Sobibor und Majdanek. Nathan starb sehr wahrscheinlich in Majdanek, Bertel in Sobibor. Es kann mit hoher Wahrscheinlichkeit davon ausgegangen werden, dass die beiden Kinder zusammen mit ihrer Mutter nach Sobibor verschleppt und dort gleich nach ihrer Ankunft ermordet wurden.

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